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Lost to regain 03 – Unterwegs

Maria Peters, 08. Juni 2016

Von Innsbruck mit dem ICE nach Erfurt und mit der Regionalbahn weiter nach Jena. Ich kam pĂŒnktlich an. Die Pension war leicht zu finden.
Sonntag in der Stadt. Die Frauen sehen genauso aus, wie in den GemÀlden von Rosa Loy. Sitze förmlich in einem ihrer Bilder.

Am Montag hat sich die Szenerie verÀndert. Die Lockerheit ist weg. Wird aber wieder kommen am Abend. Die zwei Lebensgesichter der BerufstÀtigen scheinen sich hier stÀrker auszuwirken als in anderen Regionen der Welt.
In meinem Pensionszimmer begann um 7 Uhr eine Schleifmaschine zu kreischen. HĂ€tte mich gerne ein wenig ausgeschlafen an diesem ersten Morgen. In der BĂ€ckerei nebenan gab es jedoch guten Kaffee und eine Morgenzeitung.

OstthĂŒringer Zeitung, 6. Juni 2016:
Eine erfolgreiche Firma in der Umgebung wird beschrieben, die GrĂŒnen wollen die TierbestĂ€nde auf Bauernhöfen limitieren, Muhammad Ali ist gestorben, Thomas Röhler bricht in Jena den Jahresrekord im Speerwerfen. Dann ein Artikel ĂŒber den frĂŒheren Vogelfang im ThĂŒringer Wald. Ein Interview mit einem ehemaligen VogelfĂ€nger und zugleich Porzellanmaler.

Ich las diesen Artikel. Und ich hatte das GefĂŒhl, in schon mehrmals gelesen zu haben. Insgesamt kommt mir alles hier sehr bekannt vor. Ich brauche keinen Stadtplan. Ich kenne mich aus.

VogelfÀnger

Ich saß hinter der Stadtpfarrkirche, die leider geschlossen war. Saß auf einer Parkbank. Ich fĂŒhlte mich ein wenig wie eine Obdachlose. Das Zimmer in der Penison war dunkel und ungemĂŒtlich, dort konnte ich nicht denken.

In Jena gibt es drei Paradiese.
Die neue Bahnstation Jena Paradies. Die alte Bahnstation Jena Paradies. Und eine GrĂŒnanlage Jena Paradies, die sĂŒdlich der Bahnstationen liegt. Ich zeichnete dort. Die Saale schlĂ€ngelt sich durch dieses Areal.

LeporelloS1S2

Leporello, die ersten zwei Seiten. Oben: Im ICE Unten: Die neue Bahnstation Jena Paradies

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Die alte Bahnstation Jena Paradies

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Die GrĂŒnanlage Jena Paradies

 

Ich saß in der Wiese, angelehnt an einen noch jungen Baum. Plötzlich, fĂŒr einen kurzen Moment, fĂŒhlte es sich so an, als wĂŒrde der Stamm sich auflösen. Es war, als wĂŒrde der Baum einfach verschwinden. Sich entmaterialisieren. Das war ein weiches GefĂŒhl, so als wĂŒrde ich mit ihm gemeinsam weg sinken. Weg aus der Zeit.
Dann schien alles wieder normal.

Am Dienstag dann endlich zu Fuß unterwegs. Zuerst von Jena in Richtung Weimar. An meinen Ort. N 50,95595, O 11,51771. Er sah diesmal wieder fast so aus wie im Jahr 2008, als ich diese Zeichnung gemacht hatte, Zwischen Weimar und Jena.
Ich malte die ersten Postkarten, filmte, fotografierte, machte mir Notizen. Der Weg weiter durch den Wald nach Closewitz hörte dann plötzlich auf. Weglos strolchte ich durchs GebĂŒsch und musste durch zwei GrĂ€ben krabbeln, um fast wieder bei der Straße angelangt festzustellen, dass ich meine Sonnenbrille verloren hatte. Vermutlich beim durchqueren der GrĂ€ben, dachte ich bei mir und ging zurĂŒck. Suchte meine eigenen Spuren im GebĂŒsch, und da ich mich in der letzten Zeit mit Gehirnfunktionen beschĂ€ftigt hatte, wusste ich, mein Unterbewusstsein kennt den Ort des Verlusts. Ich kannte ihn nicht, weil ich war ja mit dem GelĂ€nde und dem GepĂ€ck beschĂ€ftigt gewesen.
Ich schaltete also kurz mein Bewusstsein aus und fand sogleich die Brille wieder.

ErstePostkarte_DerOrt Postkarte2

In Closewitz war kein Zimmer frei. Ein Modellfliegerpilot, den ich schon vorher an einem Feldrand getroffen hatte, las mich auf und nahm mich mit dem Auto wieder an den Stadtrand von Jena, in den Ortsteil ZwĂ€tzen mit. Hier fand ich eine schöne Ferienwohnung auf einem Hufschmiede-Hundesalon-Hof. Mit einer sehr netten und interessanten Besitzerin. Hier fĂŒhle ich mich geborgen. Höre die Pferde im Hof. Ein freundlicher Mops hat mich begrĂŒĂŸt. Abends wachte er vor meiner TĂŒr.

Die Wanderwege auf meiner Landkarte sind leider meist Straßen. Es gibt nur kleine Rundwege zwischen den Orten, sie fĂŒhren mehr in die Irre als ans Ziel. Viel Asphalt wartet auf mich. Und habe heute festgestellt, wenn ich mit den Menschen hier ins GesprĂ€ch kommen möchte, wird es klug sein, mich ab und zu ein StĂŒck mit dem Auto mitnehmen zu lassen. Das war zwar nicht so geplant vor mir, aber es gibt auch keine Gesetze fĂŒr diese Tour. Nur den Wunsch, von den Menschen hier einiges zu erfahren.

Ein Gastbeitrag ist heute Nacht hier auf der Blogseite aufgetaucht. Das ist technisch eigentlich nicht möglich. GastbeitrĂ€ge mĂŒssen von mir genehmigt werden. Aber heute, als ich einen Beitrag zu schreiben begann, bemerkte ich diese seltsame Eintragung. Die mich berĂŒhrt. Die eine Ă€hnliche Weichheit in mir auslöst, wie dieser Baum in der GrĂŒnanlage Jena Paradies.
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Maria Peters, 08. Juni 2016


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