Pygmalion – 02 – Die Tauben, der Müllwagen und Marx statt Horx

Maria Peters, 25. März 2020

Mein Arbeitsalltag geht seinen normalen Gang.
Ich sitze im Atelier. Vertieft.
Plötzlich öffnet sich die Türe in meinem Rücken:

Ich sehe schon die Schlagzeile:
Malerin und Schriftsteller im Co-Workspace an Herzinfarkt verstorben!

Abgesehen von diesen Schockmomenten lassen wir es uns gut gehen.
Wir lesen, arbeiten, diskutieren und – wir kochen. Wir kochen!

Ich frage mich, führt jemand eine Statistik darüber, wie viele Kilogramm mehr auf den Hüften die Bevölkerung in diesen langen Wochen ansammeln wird?

Auf der Straße vor meinen Fenstern ist es nun still. Es sind kaum Menschen oder Autos unterwegs. Ich vermisse das wöchentliche Spektakel: Immer am Mittwoch kommt die Müllabfuhr. In unserer sehr schmalen Gasse manövriert sie dann meisterhaft, in Millimeterarbeit, zwischen den parkenden Autos hindurch. Ich sehe mir das von oben immer an. Manchmal bleibt das Müllauto auch stecken, woraufhin sich bald hilfreiche Menschen einfinden, es wird diskutiert und beratschlagt, die Autobesitzer in der Umgebung ausgeforscht …

Heute jedoch sauste die Müllabfuhr ungehindert durch die leere Gasse.
Ich fühle mich um meine Unterhaltung betrogen.

Dafür hat Gunter neue Aktivitäten unterm Fenster entdeckt: Jede Nacht, so ca. ab 2 Uhr herum, rücken neuerdings alte Damen aus und füttern die Tauben im Park. Die Tauben freuen sich, der Rückgang der Pizzareste wird ihnen derart nämlich ersetzt.
Die Damen, das möchte ich betonen, folgen damit jedoch nur ihrer Staatsbürgerpflicht, denn: „Wir lassen niemanden zurück“, sagt unser Bundeskanzler.

Also auch keine Niemande? Also auch jene nicht, die gerade in keine Rubrik der Hilfsaktionen fallen?

Ganz Europa im Hausarrest. Für 4 Wochen? Für 8 Wochen?
Wie werden wir uns in dieser Zeit verändern?

Der Zukunftsforscher-Clan Horx hat Hochsaison. Und, ja, es macht sehr wohl Sinn, sich nicht nur schwarze Szenarien auszumalen. Aber doch: Alle Landesgrenzen sind geschlossen.

Vielleicht aber wächst ja auch ein neues Gemeinschaftsgefühl. Ich möchte gerne daran glauben.
Vorsichtshalber beginne ich also wieder mal Marx zu lesen, – schließlich war ich im Herzen ja immer schon Romantikerin …

„Denn, um es endlich auf einmal herauszusagen, der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“
Friedrich Schiller: Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen; 1793

Weitere Buchtipps:

  

Und: Wohngespräch mit mir im Standard vom letzten Samstag



Maria Peters, 25. März 2020


8 Kommentare

  • Emanuela sagt:

    Ich bewundere deine Vitalität!

  • Ulrike Speckle sagt:

    Liebe Maria,

    wieder einmal habe ich deinen neuen Beitrag sehr genossen. Mein Sohn Felix musste gerade einen Kommentar zum Artikel von Horx über die Welt nach Corona für die Schule schreiben. Er hat sich fürchterlich aufgeregt und wir sind in eine intensive Diskussion über Kapitalismus und Marx…. gekommen. Und dann flattert dein Beitrag daher. Ich musste sehr schmunzeln. Auch deine Gedankem im Wohngespräch haben mir sehr gut gefallen. Überhaupt wird deine Arbeit in deinen Beiträgen immer sehr spürbar, das ist toll!

    Liebe Grüße von Ulla aus Innsbruck (deine frühere Arbeiskollegin von Kunst und Drübet)

    • Maria sagt:

      Liebe Ulla!

      Das ist ja irre, dass Dein Sohn diese Materie gerade bearbeitet. Mein Gott, ist er schon so groß!?
      Ich weiß natürlich noch wer Du bist und freue mich sehr, dass Du meine Blogs immer noch liest.
      Lasst es Euch gut gehen!
      Liebe Grüße
      Maria

  • Hermine Span sagt:

    Liebe Maria
    super Text und auch der Artikel im Standard, gratuliere!
    Dein neues Nest ich auch super!
    Liebe grüße Hermine
    PS: bald gibt es coole Gesichtsmasken von Garage Span

  • Sunny sagt:

    Danke Dir Maria, das liest sich wunderbar süffig 🙂

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