Ich mach mir die Welt widewide wie sie mir gefällt

Bericht 03 – Maria Peters, 27. Juni 2015

 

Wissenschaft und Fantasy – eine Geschwisterliebe

 

Wenn man eintaucht in die Welt der Wissenschaft, so wie ich es eben mache, könnte man manchmal meinen, man sei in die Werkstatt eines Fantasy-Autors geraten.

Frei nachformuliert nach Günther Witzany (Natur der Sprache Sprache der Natur1) scheint sich unsere belebte Welt durch einen permanenten Dialog und Erfahrungsaustausch der Bestandteile der Zellen zu konstruieren. Die Zellen erleben etwas, ändern darauf hin ihr Programm, haben vielleicht sogar eine neue Idee und sagen es ihren Nachbarn weiter.


Beim Lesen dieses Buches hörte ich förmlich den Tratsch und Klatsch meiner Zellen.

Ein prickelndes Knistern begleitet von leisem Rauschen.

Möglicherweise, so dachte ich bei mir, beginnt genau in diesem Moment eine technisch eingeleitete Metamorphose der Menschheit. Vielleicht aus Ungeduld, weil die evolutionäre Entwicklung unserer Körper nicht mithält mit dem Tempo der Veränderungen der von uns selbst gebastelten Welt.

 

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Noch immer will unser Körper gehen, laufen, Sport treiben. Dabei sollte er vor allem sitzen, Computer bedienen rund um die Uhr. Und unsere altmodischen Augen halten das immer noch nicht lange durch. Also brauchen wir Roboter, Androiden, die uns helfen sollen, unsere Ideen und Aktivitäten auszuweiten. Und auch wir selbst müssen uns bald optimieren, Cyborgs werden, weil wir ansonsten Gefahr laufen, die Oberhand über die künstliche Intelligenz unserer Maschinen zu verlieren.

So führt der Mensch nun selbst eine neue Ebene der Erweiterung seiner bisherigen Entwicklung herbei.
Eine, die sich vielleicht über die DNA darüber legen wird.

Denn vor der DNA gab es die RNA, ein einfacher Bauplan der Zellen, der irgendwann nicht mehr ausreichte, weil die Zellhaufen immer größer und komplexer wurden, und so bildete sich die DNA heraus. (In der Funktion eines verlässlicheren Informationsspeichers.)

Nun erschaffen wir die nächste Kontroll- und Lenkungsebene und ich gehe davon aus, dass es der Beschluss der Zellen selbst ist, der uns dazu drängt. Weil die bisherige evolutionäre Entwicklung der Programmierung unserer Zellen nicht mehr ausreicht.


Weil wir so viele sind.

Viele Gehirne die denken und tun, und so neue Voraussetzungen notwendig werden. Wir drängen uns selbst, nicht die Einzelperson macht das, sondern der Schwarm als Ganzes.

 

Die Transhumanen (oder Posthumanen) werden in der aktuellen Philosophie schon fleißig und ernsthaft diskutiert. Das ist keine Zukunftsmusik. Ist für die Wissenschaft eine brisante Frage. Und sobald man etwas in das Thema eintaucht, werden einem die Transhumanen auch schon bald recht vertraut.

Aber zudem stellt sich auch die Frage, wie wir mit lernfähiger künstlicher Intelligenz umgehen sollen?

Siehe auch:
Star Trek, The next Generation, Staffel 2, Episode 9, Wem gehört Data?

 

Bekommen sie Rechte? Menschenwürde? Müssen wir sie nicht ab einem bestimmten Punkt – ab dem Moment nämlich, ab dem sie sich selbstständig für ihre eigene Existenz entscheiden und so auch ihre eigene Existenz zu schützen beginnen – als Lebewesen definieren?

Gut, sagen wir die Definition Leben gilt nur für Organisches.
Und wenn es organische künstliche Intelligenzen gäbe?
Stünden wir spätestens dann nicht vor derselben Frage wieder?

Und warum soll ein selbstständig denkendes Etwas, nur weil es aus Metallen oder Kristallen besteht, nicht ein Wesen sein?
Das also hilft uns nicht weiter.

 

Obwohl der deutsche Philosoph Stephan Lorenz Sorgner das gut argumentiert – und in seinem Aufsatz Jenseits einer rigiden Konzeption des Anthropozentrismus: Über den moralischen Status von Menschen, Affen und Computern2 vorschlägt, den Begriff Würde auf die menschliche Spezies zu beschränken, denn er verwendet das Wort Würde in Verbindung mit Freiheit und Gleichheit – also mit den Errungenschaften und Grundlagen unserer liberalen Demokratien. Und andere Wesen brauchen einen anderen Begriff, womit er sie nicht abwertet, sondern im Gegenteil, klar stellt, dass menschliche Moral auch nur für Menschen gelten soll. Und jede andere Spezies oder Lebensform muss mit einem anderen, und ihr gerecht werdenden, Maßstab beurteilt werden.

 

Ein vernünftiger Vorschlag.
Aber wird das bei Transhumaniden und hoch entwickelten Androiden funktionieren?
Denn wo genau liegt der Unterschied?

 

Wenn ich ein Klon wäre, künstlich hergestellt also, und womöglich super optimiert und mit diversen Implantaten erweitert, mit Chips in meinem Kopf.
Bin ich dann ein Mensch oder eine Maschine?
Ist der Unterschied zu einem Androiden dann nicht sehr klein?

 

Und wenn wir so einen Klon nicht mehr als Menschen bezeichnen wollten, wie ist das dann mit Menschen die einen Herzschrittmacher tragen? Und deren Eltern sich vielleicht über ein Inserat und DNA-Abgleichung gefunden haben, weil sie zwei ganz bestimmte Potenziale in einem Kind vereinen wollten?

Der Homo Sapiens ist eben dabei, einen oder vielleicht sogar mehrere Menschentypen neu zu erschaffen. Vielleicht machen wir uns überflüssig, vielleicht aber erweitern diese neuen Menschen unser Erbgut und wir evozieren damit einen Entwicklungssprung unserer selbst. Vermischen uns vielleicht mit ihnen, so wie der Neandertaler im Homo Sapiens letztendlich aufging. Und doch zugleich noch vorhanden ist in uns.

 

Die RNA besteht parallel zur DNA, seit diese sich gebildet hat.
Nun kommt eine neue Ebene dazu, es wird also vielschichtiger.

 

So vielschichtig, dass Wissenschaft wie Fantasy klingt. Und in meiner Arbeit versuche ich diese Vielschichtigkeit zu spiegeln, zu zeigen, anzudeuten zumindest. Denn damit wir in der Zukunft in der von uns selbst kreierten Umwelt bestehen können, müssen wir unser Gehirn sehr fordern. Die vielschichtige Vernetzung von Informationen trainieren, nicht nur alles Google & Co überlassen. Herren und Damen der Lage bleiben.

 

Reduktion, Abstraktion, Vereinfachung ist verführerisch, ist manchmal schön, ist Erholung. Aber entspricht nicht dem, was unser Gehirn brauchen wird – in Anbetracht jener Welt, die wir gerade eben erfinden.

 

Doch diese Welt ist auch schön.
Ziemlich vielfältig, voller Abenteuer und Möglichkeiten.
Aber vielleicht auch
die anderen Kulturen aufschließen lassen,
ein wenig Tempo rausnehmen,
etwas mehr Tiefe und Reflexion,
anstatt immer mehr und immer neuer und immer schneller.

 

 

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Aber vermutlich lässt sich das nicht mehr steuern, denn in Wahrheit treiben uns schon jetzt unsere Maschinen vor uns her. Versteht ja jetzt schon niemand mehr, wie das alles abläuft. Wer letztlich wem die Aufgaben stellt. Ist schon längst ein neuer Organismus, verteilt auf viele Orte und unzählige Köpfe.

 

Und dieser Organismus funktioniert verblüffend ähnlich wie der ständige Tratsch der Zellen, aus dem irgendwelche neuen Lebensideen entstehen, ist also letztlich vermutlich nichts anderes als der Lauf der Welt, wie er immer war.

 

Und jeder tut irgendetwas. Und jeder verursacht irgendetwas. Und wir alle Blicken da überhaupt nicht mehr durch. Ja, wir wissen ja nicht einmal, was wir denken – wie es der Neurologe David Eagleman in seinem Buch Inkognito3 so schön benennt: Unser Bewusstsein ist ja nur die Kontaktoberfläche zu Welt, die restlichen ca. 90 Prozent unseres Denkens laufen unbewusst ab – und hier haben wir kaum Einblick. Das ist die große Zone „Inkognito“.

 

Und mit jedem Tag, den ich über diese Dinge recherchiere und nachdenke, habe ich weniger Sorge um die Zukunft.
Denn ich gehe davon aus, dass wir letztlich in eigener Sache agieren.
(Oder haben unsere Vorfahren nicht auch geglaubt, die Geschwindigkeit der damals gerade neu konstruierten Eisenbahn bringt uns um?)
Wohin immer diese Reise auch geht, Mr. Spock würde sicher sagen: „Es ist faszinierend.“

 

Probieren, kreieren,
finden, erfinden,
und manchmal natürlich auch scheitern.

Aber Langeweile zumindest steht uns nicht ins Haus.

 

1 Günther Witzany, Natur der Sprache Sprache der Natur, Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg, 1993 ISBN:3-88479-827-8

2 Stephan Lorenz Sorgner, Jenseits einer rigiden Konzeption des Anthropozentrismus: Über den moralischen Status von Menschen, Affen und Computer, In: Hrsg. Beatrix Vogel, Umwertung der Menschenwürde – Kontroversen mit und nach Nietzsche, Verlag Karl Alber Feiburg/München, 2. Aufl. 2014, ISBN: 978-3-495-48655-9

3 David Eagleman, Inkognito – Die geheimen Eigenleben unseres Gehirns, Pantheon Verlag, 2013, ISBN: 978-3-570-55223-0

Text als PDF zum Ausdrucken!

Anmerkung:

Im Juli werde ich meinen ersten Blog Aktuell starten. Ich werde darin aus einem Garten in Thüringen berichten. Von den Pflanzen, von ganz besonderen Menschen. Und von einem kleinen, leicht verrückten, aber überaus liebenswerten braunen Hund. Beim Start des Blog Aktuell werde ich einen Newsletter versenden. Wenn Sie noch nicht eingetragen sind, aber ihn erhalten wollen, schreiben Sie mir: contact@novelle-montage.com



Maria Peters, 27. Juni 2015


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